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Labor & Reinraum2 Min. LesezeitStand September 2026

H₂O₂-Begasung: Was ein Raum können muss, damit die Dekontamination gelingt

Die Raumdekontamination mit gasförmigem Wasserstoffperoxid gilt als rückstandsfrei und validierbar. Ob sie im Betrieb zuverlässig funktioniert, entscheidet sich aber nicht am Begasungsgerät, sondern an Raumhülle, Lüftung und Steuerung.

Das Wichtigste in Kürze

  • H<sub>2</sub>O<sub>2</sub> zerfällt zu Wasser und Sauerstoff – die Wirkung hängt jedoch stark von Feuchte, Temperatur und gleichmässiger Verteilung ab.
  • Ein undichter Raum verliert Wirkstoff, gefährdet angrenzende Bereiche und lässt sich nicht reproduzierbar validieren.
  • Nicht die Einwirkzeit, sondern das Belüften bis unter den Arbeitsplatzgrenzwert bestimmt oft, wie lange ein Raum ausfällt.
  • Dichtheit, gasdichte Absperrklappen, Durchführungen, Sensorik und Verriegelungen müssen in der Planung festgelegt werden, nicht bei der Inbetriebnahme.

01Warum Wasserstoffperoxid

In Reinräumen, Tierhaltungen und Isolierstationen müssen ganze Räume in regelmässigen Abständen oder nach einem Ereignis dekontaminiert werden – inklusive aller Oberflächen, die eine Wischdesinfektion nicht erreicht. Gasförmiges Wasserstoffperoxid (H2O2) hat sich dafür etabliert: Es wirkt stark oxidierend, erfasst bei geeigneter Auslegung auch Sporen und zerfällt am Ende zu Wasser und Sauerstoff. Der EU-GMP-Leitfaden verlangt, dass Wirksamkeit und Verteilung eines solchen Begasungsverfahrens verstanden und validiert sind.

02Der typische Denkfehler

Häufig wird die Begasung als reine Gerätefrage behandelt: Man beschafft ein Begasungsgerät, stellt es in den Raum und startet den Zyklus. In der Praxis scheitern Validierung und Betrieb aber an anderer Stelle – an undichten Decken und Durchführungen, an Lüftungskanälen, die nicht gasdicht abgesperrt werden können, an Materialien, die H2O2 aufnehmen oder davon angegriffen werden, und an einer Belüftung, die den Raum nur langsam wieder freigibt.

03Das Prinzip: vier Phasen, eine Messung

Ein Zyklus läuft in Phasen ab: Der Raum wird abgeschottet und in einen definierten Feuchtezustand gebracht, dann wird die Konzentration aufgebaut, über die validierte Einwirkzeit gehalten und schliesslich abgebaut. Je nach Verfahren wird entweder unterhalb des Taupunkts gearbeitet oder bewusst eine feine Mikrokondensation auf den Oberflächen angestrebt – in beiden Fällen ist die Feuchteführung ein zentraler Parameter. Freigegeben wird der Raum erst, wenn eine Messung zeigt, dass die Konzentration unter dem Arbeitsplatzgrenzwert der Suva liegt.

Schematischer Verlauf der H2O2-Konzentration über die Phasen Vorbereiten, Konditionieren, Einwirken und Belüften bis unter den ArbeitsplatzgrenzwertSCHEMATISCHER ZYKLUS EINER H2O2-RAUMBEGASUNGVorbereitendicht, trockenKonditionierenaufbauenEinwirkenhalten, validiertBelüftenabbauen bis Grenzwert – oft die längste PhaseH2O2 in der Raumluft (qualitativ)ZeitArbeitsplatzgrenzwert (MAK)Freigabe erst nach MessungSchematisch, ohne Massstab – Verlauf und Dauer hängen von Verfahren, Raum und Lüftung ab
Der Zyklus endet nicht mit der Einwirkzeit Schematische Darstellung, ohne Massstab

04Die Belüftung bestimmt die Ausfallzeit

Die Konzentration während der Einwirkphase liegt um Grössenordnungen über dem Arbeitsplatzgrenzwert. Beim Belüften nimmt sie näherungsweise exponentiell ab – die Dauer hängt also vom Verhältnis der beiden Konzentrationen und vom wirksamen Luftwechsel ab.

≈ 40 minFiktives Rechenbeispiel mit angenommenen Werten: Abbau um den Faktor 800 bei zehnfachem Luftwechsel pro Stunde, ohne Katalysator – ln(800) / 10 h ≈ 0,67 h. Halber Luftwechsel heisst doppelte Zeit.

Ein höherer Luftwechsel während der Belüftung oder eine katalytische Zersetzung verkürzt diese Phase direkt. Beides muss die Lüftungsanlage leisten können.

05Was das für Ihr Projekt bedeutet

  • Raumhülle: geschlossene, H2O2-beständige und nicht saugende Oberflächen, dichte Anschlüsse bis zur Rohdecke, abgedichtete Türen und Durchführungen, Nachweis durch eine Dichtheitsprüfung.
  • Lüftung: gasdichte Absperrklappen, kontrollierte Druckhaltung gegenüber Nachbarräumen und ein ausreichend grosser Luftwechsel für die Belüftung.
  • Durchführungen: Liegt eine Begasungsschnittstelle in einer Brandabschnittswand, muss sie zugleich gasdicht, verschliessbar und brandschutztechnisch mit Verwendbarkeitsnachweis gelöst sein.
  • Steuerung und Sensorik: Betriebsarten mit Verriegelung von Türen und Klappen, Einbezug der Brandmeldeanlage, H2O2-Messung im Raum und in angrenzenden Bereichen, Freigabe nur nach Messwert.
  • Materialwahl: Metalle, Dichtungen und Elektronik auf Verträglichkeit mit Oxidationsmitteln prüfen.

Wer diese Punkte früh in Raumbuch und Lüftungskonzept festlegt, vermeidet teure Nachrüstungen – und schafft die Voraussetzung, dass sich das Verfahren später reproduzierbar validieren lässt.

Merksatz

Ein Raum ist erst dann begasbar, wenn er dicht ist, sich kontrolliert belüften lässt und seine Freigabe auf einer Messung beruht, nicht auf der Uhr.

Normen und Quellen

  • EU-GMP-Leitfaden, Anhang 1 «Herstellung steriler Arzneimittel» (2022), Abschnitt 4.34 ff. – Validierung von Desinfektion und Begasung
  • SN EN 17272:2020 – Verfahren zur luftübertragenen Raumdesinfektion durch automatisierte Verfahren
  • Suva, «Grenzwerte am Arbeitsplatz» (aktuelle MAK-Werte, www.suva.ch/grenzwerte)
  • Biozidprodukteverordnung (VBP, SR 813.12)
  • VKF-Brandschutzvorschriften (Brandschutznorm und Brandschutzrichtlinien)

SEDC AG · Beitrag aus unserer internen Weiterbildungsreihe «Technik Praxis», für Bauherrschaften und Nutzer gekürzt.

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