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Labor & Reinraum2 Min. LesezeitStand September 2026

Materialwahl im Labor: Stahl oder HPL – was wirklich nachhaltig ist

Stahl gilt als energieintensiv, Kunstharzplatten als leicht und robust. Beim Laborabzug und bei Labormöbeln entscheidet aber nicht das Etikett des Werkstoffs, sondern wie lange ein Bauteil an seiner Stelle sicher, reparierbar und wiederverwendbar bleibt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ökobilanzen werden pro Kilogramm gerechnet, eingebaut wird pro Quadratmeter: Eine 19 mm starke Kompaktplatte wiegt mehr als doppelt so viel wie 1,5 mm Stahlblech.
  • Ein günstiger Wert beim Treibhauspotenzial kann bei holzbasierten Platten vom gespeicherten biogenen Kohlenstoff herrühren – aussagekräftig sind erst der fossile Anteil, die Primärenergie und das Lebensende.
  • Der grösste Nachhaltigkeitshebel ist die Nutzungsdauer: Ein Bauteil, das nach zehn Jahren ersetzt werden muss, verliert jeden Vorteil aus der Herstellung.
  • Beim Laborabzug kann die Lüftungsenergie über die Betriebszeit die Materialfrage deutlich überwiegen.

01Die falsche Frage: welcher Werkstoff ist grüner?

Bei Laborabzügen und Labormöbeln stehen sich oft drei Bauweisen gegenüber: beschichteter Stahl, durchgehende Kompaktplatten aus Hochdruck-Schichtpressstoff (HPL) und Holzwerkstoffplatten mit dünner HPL-Deckschicht. Die Diskussion wird schnell grundsätzlich – Stahl sei energieintensiv, Kunstharz schwer zu entsorgen. Beides stimmt, und beides führt allein nicht zur richtigen Wahl.

02Der Denkfehler: pro Kilogramm statt pro Bauteil

Stahl ist in der Herstellung energie- und CO2-intensiv, wenn man ein Kilogramm betrachtet. Im Möbel- und Abzugsbau werden aber dünne Bleche verwendet. Kompaktplatten sind dagegen massiv: Nach EN 438 haben sie eine Rohdichte von mindestens 1,35 g/cm³, und im Abzug werden sie eher in 19 mm als in dünnen Stärken eingesetzt.

Flächengewicht pro Quadratmeter: Stahlblech 1,0 mm rund 7,9 kg, Stahlblech 1,5 mm rund 11,8 kg, HPL-belegte Spanplatte 19 mm rund 13,5 kg, Kompaktplatte 19 mm rund 26,6 kg – gut das 2,3-Fache von 1,5 mm Stahlblech.FLÄCHENGEWICHT JE QUADRATMETER PLATTEStahlblech 1,0 mmRohdichte 7850 kg/m³7,9 kg/m²Stahlblech 1,5 mmRohdichte 7850 kg/m³11,8 kg/m²HPL-belegte Spanplatte 19 mmangenommen: Träger 650 kg/m³ + HPL13,5 kg/m²Kompaktplatte (HPL) 19 mmangenommen 1400 kg/m³26,6 kg/m²×2,3Kompaktplatte gegenüber1,5 mm StahlblechRechenbeispiel mit angenommenen Rohdichten, ohne Beschichtung, Kantenmaterial und Befestigung
Dieselbe Fläche, sehr unterschiedliche Masse Rechenbeispiel mit angenommenen Rohdichten

×2,3mehr Masse pro Quadratmeter bei einer 19-mm-Kompaktplatte gegenüber 1,5 mm Stahlblech

Hinzu kommt eine Lesefalle in Umweltproduktdeklarationen: Holzwerkstoffe speichern biogenen Kohlenstoff, ihr gesamtes Treibhauspotenzial kann deshalb sehr tief oder sogar negativ ausfallen. Für einen fairen Vergleich gehören der fossile Anteil, die Primärenergie und das Lebensende daneben.

03Das Prinzip: Nutzungsdauer schlägt Herstellung

Der wichtigste Hebel ist meist nicht die Herstellung, sondern die Frage, ob ein Bauteil nach zehn Jahren ersetzt werden muss oder dreissig Jahre lang umgebaut, repariert und am Ende sortenrein verwertet werden kann. Verschraubte Stahlkorpusse lassen sich neu beschichten, mit Ersatzteilen versehen und als Wertstoff zurückführen. Kompaktplatten sind feuchte- und stossfest, als duroplastischer Verbund aber nicht einschmelzbar – sinnvoll ist die Wiederverwendung als ganze Platte. HPL-belegte Platten werden kritisch, sobald Feuchte oder Chemikaliendämpfe über Kanten und Bohrungen den Träger erreichen: Dann ist Reparatur kaum möglich, und die reale Lebensdauer kippt die Bilanz.

Beim Laborabzug kommt ein zweiter Hebel dazu. Er bewegt über Jahrzehnte grosse Luftmengen, und diese Betriebsenergie kann die Materialfrage deutlich überwiegen. Ein ökologisch günstiger Korpus bringt wenig, wenn der Abzug dauerhaft zu viel Luft braucht.

04Funktionsgetrennt statt Materialprinzip

Funktionsgetrennte Konstruktion eines Laborabzugs: Innenraum und Arbeitsfläche nach Chemikalien, Tragstruktur modular und nicht brennbar, Unterbau mit dauerhaft dichten Kanten, dazu die Abluft im Betrieb als grösster Hebel.MATERIAL NACH BEANSPRUCHUNG, NICHT NACH PRINZIPAbluft im Betrieboft grösserer Hebel als der WerkstoffInnenraum und Arbeitsflächenach Chemikalien wählen, austauschbar ausführenTragstruktur und Korpusmodular, verschraubt, reparierbar, nicht brennbarUnterbau und Verkleidungtrocken und geschützt, Kanten dauerhaft dicht
Jede Zone nach ihrer Beanspruchung

Die robusteste Lösung ist selten eine reine Stahl- oder Plattenkonstruktion. Stahl eignet sich für Tragstruktur und Korpus, wo Modularität, Nichtbrennbarkeit und Rückbau zählen. Innenraum und Arbeitsflächen werden nach der tatsächlichen Chemie gewählt – bei sehr aggressiven Medien wie Flusssäure oder Perchlorsäure weder Standardstahl noch Standardplatte, sondern geprüfte Spezialwerkstoffe. HPL-belegte Platten gehören in trockene, geschützte Bereiche mit dauerhaft dichten Kanten.

05Was Sie in der Ausschreibung verlangen sollten

  • Umweltproduktdeklaration nach EN 15804 für das angebotene Produkt, nicht nur für den Werkstoff
  • Materialmassen je Bauteil
  • Rückbau- und Ersatzteilkonzept: verschraubt statt verklebt, sortenrein trennbar
  • Chemikalienbeständigkeit für die reale Nutzung
  • Brandverhalten nach EN 13501-1 sowie Emissionsnachweise für Platten und Klebstoffe
  • Beim Abzug: Prüfwerte nach EN 14175 und Luftmengen im Betrieb

So wird die Materialwahl zu einer nachvollziehbaren Entscheidung je Bauteil – und nicht zu einer Grundsatzfrage.

Merksatz

Nachhaltig ist nicht ein bestimmter Werkstoff, sondern das Material, das an seiner Stelle die längste, reparierbarste und sicherste Nutzung ermöglicht.

Normen und Quellen

  • SN EN 15804 – Nachhaltigkeit von Bauwerken, Umweltproduktdeklarationen (EPD)
  • SN EN 438 – Dekorative Hochdruck-Schichtpressstoffplatten (HPL)
  • SN EN 13501-1 – Klassifizierung von Bauprodukten zum Brandverhalten
  • SN EN 14175 – Abzüge
  • worldsteel association – Life Cycle Inventory Methodology und LCA-Ökoprofile für Stahlprodukte
  • Lawrence Berkeley National Laboratory – Energy Use and Savings Potential for Laboratory Fume Hoods

SEDC AG · Beitrag aus unserer internen Weiterbildungsreihe «Technik Praxis», für Bauherrschaften und Nutzer gekürzt.

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