Das Wichtigste in Kürze
- Mehr Abluft ist nicht automatisch mehr Sicherheit – sie kann Turbulenzen, Zugluft und hohe Betriebskosten erzeugen.
- Ein fairer Vergleich stützt sich auf geprüfte Werte nach EN 14175: Rückhaltung, Robustheit, Luftmengen im Teil- und Volllastbetrieb und Druckverlust.
- Kleine Unterschiede pro Abzug summieren sich: Schon 25 m³/h mehr pro Abzug ergeben bei 100 Abzügen die Leistung eines eigenen Lüftungsgeräts.
- Fehlende Herstellerangaben sind kein neutraler Wert, sondern ein Risiko.
01Der Denkfehler: mehr Luft gleich mehr Sicherheit
Bei der Auswahl von Laborabzügen wird zuerst über Anschaffungspreis, Breite, Material und Optik gesprochen. Der grössere Hebel liegt woanders: Wie viel Luft muss ein Abzug dauerhaft bewegen, um Gefahrstoffe sicher zurückzuhalten? Viel Luft abzusaugen ist keine technische Leistung. Die Leistung besteht darin, mit möglichst wenig Luft stabil sicher zu bleiben.
Zu hohe oder schlecht geführte Luftmengen erzeugen Unruhe am Arbeitsplatz, Zugerscheinungen und Turbulenzen – und sie treiben die Betriebskosten über Jahrzehnte. Die Luftmenge allein ist deshalb kein Qualitätsmerkmal.
02Vier Grössen, die zusammen zählen
- Rückhaltung – bleiben Gefahrstoffe im Abzug?
- Robustheit – bleibt die Rückhaltung stabil, wenn jemand vorbeigeht oder eine Tür öffnet?
- Luftmenge – wie viel braucht der Abzug dafür, geschlossen und offen?
- Druckverlust – wie viel Ventilatorarbeit verursacht er?
Die Norm EN 14175 liefert die Methode, um diese Grössen unter definierten Bedingungen zu prüfen. Wer Abzüge nur mit «erfüllt EN 14175» ausschreibt, verzichtet auf genau die Zahlen, die den Unterschied machen.
03Wie aus wenigen Kubikmetern ein Lüftungsgerät wird
Zwei geprüfte Abzüge derselben Grösse unterscheiden sich im offenen Zustand oft nur um wenige Dutzend Kubikmeter Luft pro Stunde. Das wirkt vernachlässigbar – bis man es mit der Stückzahl multipliziert.
Nehmen wir ein Forschungsgebäude mit 100 gleichen Tischabzügen an. Braucht jeder davon nur 25 m³/h mehr, sind es zusammen 2500 m³/h – die Leistung eines eigenen Lüftungsgeräts, samt Kanälen, Schächten, Heiz-, Kühl- und Befeuchtungsenergie. Diese Entscheidung fällt nicht im Technikraum, sondern bei der Auswahl des Abzugs.
04Faustwerte gegenüber geprüften Werten
Noch grösser wird der Hebel, wenn eine Anlage mit pauschalen Erfahrungswerten statt mit geprüften Abzugsdaten dimensioniert wird. Faustwerte enthalten Sicherheitszuschläge aus einer Zeit, in der Abzüge deutlich mehr Luft brauchten – moderne, geprüfte Abzüge kommen oft mit spürbar weniger aus. Wer pauschal plant, baut die Differenz als Kanal, Gerät und Energieverbrauch für Jahrzehnte ein.
Das heisst nicht, dass immer der Abzug mit der kleinsten Zahl gewinnt. Ein Abzug mit etwas weniger Luft, aber hohem Druckverlust kann energetisch schlechter abschneiden als einer mit etwas mehr Luft und sehr niedrigem Widerstand – die Ventilatorarbeit wächst mit dem Produkt aus beidem. Und bei variablem Betrieb zählt vor allem, wie tief der Abzug im geschlossenen Zustand fahren kann und wie konsequent die Schieber geschlossen werden.
05Was Sie in der Ausschreibung verlangen sollten
- Typprüfbericht nach EN 14175 für genau die angebotene Bauart und Breite
- Luftmengen im geschlossenen und offenen Zustand
- Rückhalte- und Robustheitswerte in ppm, Mittelwert und Maximum getrennt
- Druckverlust bei maximaler Luftmenge
- Schallwerte
- Messung und Einregulierung vor Ort im eingebauten Zustand
Fehlt eine dieser Angaben, sollte das in der Bewertung sichtbar bleiben – als Dokumentationslücke, nicht als neutraler Wert.
Merksatz
Ein guter Laborabzug ist nicht der, der am meisten Luft absaugt, sondern der, der nachweislich sicher bleibt – mit so wenig Luft, Druckverlust und Energie wie möglich.
Normen und Quellen
- EN 14175-3 – Typprüfverfahren für Sicherheit und Leistung von Abzügen
- EN 14175-6 – Abzüge mit variablem Luftvolumenstrom
- Lawrence Berkeley National Laboratory – Energy Use and Savings Potential for Laboratory Fume Hoods
SEDC AG · Beitrag aus unserer internen Weiterbildungsreihe «Technik Praxis», für Bauherrschaften und Nutzer gekürzt.