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Sicherheit & Schutz3 Min. LesezeitStand September 2026

Druckkaskaden im Containment: Pascal statt Kubikmeter

Ein Raum gilt als kritisch – also bekommt er mehr Abluft. Dieser Reflex ist teuer und schützt nicht: Gefahrstoffe bleiben im Raum, weil eine stabile Druckdifferenz die Strömungsrichtung vorgibt, nicht weil viel Luft bewegt wird.

Das Wichtigste in Kürze

  • Containment entsteht durch eine gerichtete Druckdifferenz zwischen Räumen – die Luftmenge ist nur das Mittel, sie herzustellen.
  • Die Druckstufe ergibt sich aus dem Versatz zwischen Zu- und Abluft; wie gross er sein muss, bestimmt vor allem die Dichtheit der Raumhülle.
  • Die Richtung folgt dem Schutzziel: Personen- und Umweltschutz verlangt Unterdruck, Produktschutz Überdruck – wo beides aufeinandertrifft, gehört eine Schleuse dazwischen.
  • Eine Kaskade ist erst sicher, wenn sie auch bei offener Tür, bei Teillast und über Jahre nachweisbar hält.

01Der Denkfehler: kritischer Raum, mehr Abluft

In Laboren, Isotopenbereichen und Biosicherheitszonen taucht früh derselbe Reflex auf: Ein Raum ist «kritisch», also bekommt er mehr Abluft. Mehr Luft fühlt sich nach mehr Sicherheit an. Technisch schützt sie aber nicht. Man kann einen Raum mit hohem Luftwechsel betreiben und trotzdem das Containment verlieren – wenn Zu- und Abluft gleich gross sind oder der Versatz das falsche Vorzeichen hat.

02Das Prinzip: eine Treppe aus Raumdrücken

Eine Druckkaskade ist eine Abfolge von Raumdrücken entlang eines Weges, etwa Flur – Schleuse – Labor. Jede Stufe beträgt nur einige Pascal, legt aber eindeutig fest, in welche Richtung die Luft durch Türspalten und Durchführungen strömt. Entscheidend ist nicht der Absolutwert, sondern dass die Richtung über den ganzen Weg stimmt. Die Schweizer Strahlenschutzgesetzgebung formuliert es genau so: Der Druck in Räumen mit grösserer Kontaminationsgefahr muss niedriger sein als in Räumen mit geringerer.

Die Richtung ergibt sich aus dem Schutzziel. Soll die Gefahr im Raum bleiben – radioaktive, biologische oder chemische Stoffe –, steht der Raum im Unterdruck. Soll Kontamination draussen bleiben, etwa in der aseptischen Herstellung, steht er im Überdruck. Wo beide Logiken aufeinandertreffen, gehört eine Schleuse mit eigenem Druckregime dazwischen.

Prinzip der Druckkaskade: Beim Personenschutz fällt der Druck vom Flur über die Schleuse zum Labor ab, beim Produktschutz steigt er zum Reinraum an; Luft strömt immer vom höheren zum tieferen DruckPERSONEN- UND UMWELTSCHUTZ · UNTERDRUCK0 Pa0 PaFlur−10 PaSchleuse−20 PaLaborLuft strömt zur Gefahrenquelle hin – sie bleibt im Raum.PRODUKTSCHUTZ · ÜBERDRUCK0 Pa0 PaFlur+10 PaSchleuse+20 PaReinraumLuft strömt vom Reinraum weg – Keime bleiben draussen.Angenommene Druckwerte zur Veranschaulichung · Pfeile: Luftströmung durch Türspalten, immer vom höheren zum tieferen Druck
Zwei Schutzziele, zwei Richtungen Prinzipdarstellung mit angenommenen Druckwerten

03Der Hebel ist die Dichtheit, nicht die Luftmenge

Die Druckstufe entsteht aus dem Versatz zwischen Zu- und Abluft. Er muss so gross sein wie die Luft, die bei der gewünschten Druckdifferenz durch die Undichtheiten der Hülle entweicht. Diese Leckage wächst nur etwa mit der Wurzel der Druckdifferenz, aber direkt mit der Leckagefläche: Die vierfache Druckstufe kostet grob die doppelte Versatzluft, die halbe Leckagefläche spart die Hälfte.

Fiktives Rechenbeispiel: Versatzluft wächst mit der Wurzel der Druckdifferenz; bei 100 Quadratzentimetern Leckage rund 110 Kubikmeter pro Stunde für 15 Pascal und 220 für 60 Pascal, bei halber Leckagefläche die HälfteVERSATZLUFT FÜR EINE DRUCKSTUFE · FIKTIVES RECHENBEISPIEL050100150200250015304560Druckdifferenz in Pam³/h100 cm² Leckagefläche50 cm² – doppelt so dicht≈ 110≈ 220≈ 55Versatzluft für4-fache Druckstufe½Versatzluft beihalber LeckageflächeAngenommen: Q ≈ Cd · A · √(2 ΔP / ρ) mit Cd = 0,6 und ρ = 1,2 kg/m³ · ersetzt keine Auslegung
Dichtheit schlägt Luftmenge Fiktives Rechenbeispiel mit angenommenen Werten, vereinfachte Drosselgleichung

≈ 110 m³/hVersatzluft für 15 Pa Unterdruck bei angenommenen 100 cm² wirksamer Leckagefläche

Die grossen Luftmengen eines Labors stammen aus Wärme- und Stofflasten, nicht aus dem Containment. Wer die Stufe nicht hält, hat deshalb meist ein Dichtheits- oder Regelungsproblem – kein Luftmengenproblem.

04Wo Kaskaden im Betrieb kippen

  • Türöffnung bricht die Druckstufe schlagartig ein – Schleusen mit gegenseitig verriegelten Türen fangen das ab.
  • Abzüge mit variablem Volumenstrom ändern die Abluft in Sekunden; die Zuluft muss schnell genug folgen.
  • Filterbeladung verschiebt die Ventilatorkennlinie; ohne Druckregelung driftet die Kaskade.
  • Nachträgliche Durchführungen für Kabel und Rohre vergrössern die Leckagefläche.
  • Teillast und Nachtbetrieb: Die Richtung muss auch bei reduzierter Luftmenge erhalten bleiben.

05Was das für Ihr Projekt bedeutet

Verlangen Sie früh einen Druckstufenplan mit Druckdifferenz, Richtung und Schleusenkonzept je Raum – er ist das eigentliche Steuerungsdokument, nicht die Luftmengentabelle. Spezifizieren Sie die Dichtheit der Hülle als prüfbaren Wert, lassen Sie den Versatz je Raum dokumentieren und die Druckdifferenzen an den massgebenden Türen überwachen und alarmieren. Nehmen Sie die Kaskade zweistufig ab: zuerst mit geschlossenen Türen, dann unter definierten Tür-offen-Szenarien.

Und nicht jeder empfindliche Raum ist ein Druckraum: Für Elektronenmikroskope etwa zählen Vibration, Störfelder und Temperaturkonstanz – eine scharfe Kaskade brächte dort nur Zugluft.

Merksatz

Eine Druckkaskade hält Gefahrstoffe mit Pascal zurück, nicht mit Kubikmetern – und der günstigste Weg dorthin ist eine dichte Hülle mit sauber geregeltem Versatz.

Normen und Quellen

  • DIN 1946-7:2022-08 – Raumlufttechnik, Teil 7: Raumlufttechnische Anlagen in Laboratorien
  • EN 14175 – Abzüge
  • SIA 382/1 – Lüftungs- und Klimaanlagen, Allgemeine Grundlagen und Anforderungen
  • Verordnung des EDI über den Umgang mit radioaktivem Material (UraM, SR 814.554), Art. 15
  • Einschliessungsverordnung (ESV, SR 814.912), Anhang 4
  • EU-GMP-Leitfaden, Annex 1 «Manufacture of Sterile Medicinal Products» (2022), Ziff. 4.14–4.16

SEDC AG · Beitrag aus unserer internen Weiterbildungsreihe «Technik Praxis», für Bauherrschaften und Nutzer gekürzt.

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Die ausführliche Fassung enthält die Herleitung der Leckage- und Versatzrechnung, Richtwerte für Druckstufen je Raumtyp, das Regelkonzept für Türöffnung und Abzüge mit variablem Volumenstrom sowie unsere Prüfliste für Spezifikation und Abnahme der Kaskade. Wir gehen sie gern mit Ihnen durch – angewendet auf Ihre Anlage.

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